An den Denunzianten

Diese Geschichte soll als Mahnung dienen, allen Parteien, denn sie ist wahr.

Als ich klein war, bellte auf dem Grundstück hinter unserem Haus immer ein Hund. Nein, das ist geschummelt. Es waren zwei, zwei Schäferhunde bellten. Sie waren uns Kindern immer ein wenig unheimlich. Egal.

Egal, denn, sie liefen nie frei herum. Wenn man die Hunde sah, dann gingen sie immer an den Leinen eines älteren Mannes. Man sah die Hunde auf der Straße nie ohne ihn und umgekehrt den Mann nie ohne die Hunde. Eigentlich sah man sie kaum.

Das fiel nicht weiter auf. Das hat uns nicht beschäftigt. Ein alter Mann, wir waren Kinder, pah.

Als die Hunde starben, waren schnell neue da.

Ich habe das nie verstanden.

Jahre später, Hunde und Mann waren nicht mehr, erzählte meine Oma mir, dass dies „der Schumacher“ war. Er hatte damals, in der braunen Zeit alles und jeden denunziert. Gerne für den Dienstgebrauch. Die Spitze war, dass er Kriegsgefangene verpfiff, die mit deutschen Frauen schliefen. Die Männer lebten ja seit Jahren Wand an Wand mit ihnen, man kam sich nah. Zweimal sogar war der Schumacher eifrig aufmerksam in dieser Sache, so wie offiziell verlangt.

Der braune Hans, oder wie die Männer mit viel Schneid und den beiden Blitzen auf den Krägen immer auch geheißen haben, kamen und nahmen die Kriegsgefangenen mit, jedes Mal. Das ganze Dorf sah die Erschießungen an. Meine Mutter auch. Mussten sie. So war das da. 1941 war meine Mutter – Jahrgang 33 – acht.

Danach. Also ganz danach, als die Herren mit den Blitzen auf den Krägen der Blitz der Wandlung getroffen hatte und sie gewandelt oder selbst erschossen waren, konnte besagter Schumacher nicht mehr auf die Straße, ohne dass Steine flogen. Sie trafen, besonders am Kopf, denn die Leute zielten gut. Lag er bewusstlos auf der Straße, blieb die Straße leer; niemand hat je Steine fliegen sehen. Nach zehn Jahren flogen Steine nur noch dann und wann und trafen auch nicht mehr. Er war egal, den Stein nicht wert. Da kaufte der Schumacher sich Hunde, immer zwei, damit er sicher durch die Straße kam. Er starb allein.

Meine Frage an dieser Stelle, in dieser Zeit, jetzt, hier heute, 2020, an die, die ihr verpfeift und denunziert in Gewissheit Gutes und Wahres zu tun, hier meine Frage an Euch: Mögt ihr Hunde? Könnte wichtig sein.

Ihr glaubt die Geschichte nicht? Hier ein Foto vom Stein:

Im Gedenken an Anton, einem ukrainischen Kriegsgefangenen, Freund der Erschossenen. Anton, der meine Mutter mit aufzog und bei der Rückkehr in die Heimat 1945 in einem ehemals deutschen Konzentrationslager von Russen erschossen wurde, wie tausende seiner ukrainischen Kammeraden. Verwirrt? Kein Wunder, denn: Die hohe Zeit der Denunzianten geht immer die der besonders verwirrend brutalen Zeiten voraus.


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