Trauma, Therapie und Heilung

Heute einmal etwas ganz anderes. Es passt dennoch in diese Zeit, denn ich bin mir sicher, dass das Sicherheitsgefühl der Menschen momentan stark strapaziert wird und damit auch alte seelische Wunden stärker an die Oberfläche getragen werden. 

Das Thema Trauma begegnet einem ja in der Regel nur in Zusammenhang mit schockierenden Erlebnissen, die einem zustoßen wie zum Beispiel durch Unfälle, Krieg oder Verbrechen, die  mit der Zerstörung des eigenen physischen und psychischen Sicherheitgefühls einhergehen. Doch es gibt auch andere Arten von Traumata wie zum Beispiel die bis jetzt sehr wenig beachteten Entwicklungs- oder beziehungstraumata, die in der Kindheit geschehen und den meisten Menschen passiert sind, ohne dass sie davon überhaupt wissen. 

Ein Trauma ist eine innere psychische Erschütterung der Seele oder des emotionalen/ mentalen Körpers, der sich so erst einmal oft gar nicht bemerkbar machen muss. Diese drücken sich zum Beispiel über partielle sehr starke Panik und Ängste im Bezug auf Beziehungen mit nahen Menschen aus. Signifikant ist, dass sich Traumata punktuell und zeitlich begrenzt wie eine Sequenz zeigen. Ein Anhaltspunkt ist auch eine starke Übererregung, eine starke Aktivität des zentralen Nervensystems, eine stark erhöhe Wachheit in Bezug auf ansteigende Anforderungen im sozialen Gefüge. Diese Arten von Trauma sind für den Laien und für die Betroffenen selbst sehr schwer zu erkennen, denn sie drücken sich viel feiner und subtiler aus als zum Bespiel Posttraumatische Belastungsstörungen mit Erinnerungen an die traumatisierenden Szenen, FlashBacks, die man im gängigen Kontext von Traumata schon kennt. 

Entwicklugstrauma sind anders. Sie sind in der kindlichen Seele und damit in das somatische Nerven-Netz eingewoben. Die überfordernden Situationen waren nämlich nicht Unfall, Verbrechen und physische Gewalt, sondern emotionaler Natur. Emotionale Gewalt, emotionaler Missbrauch und Missachtung können ebenfalls Traumata in der Seele des Menschen hinterlassen. Das Trauma brennt sich dann ein und die Psyche funktioniert auch normal, bis auf diese kleine Ecke, wie eine Schallplatte, die tadellos ist aber an der einen Stelle immer leiert, hakt oder springt. Und sich dann wiederholt. 

Der Mensch durchlebt die angstmachenden Gefühle des Verlustes, der Verzweiflung und der Ohnmacht über seinen Körper, dort sind diese so einschneidenden überwältigenden emotionalen Muster eingebrannt und darüber laufen diese Muster auch Jahrzehntelang ab. Emotion und Körper sind je jünger ein Mensch ist umso intensiver miteinander verwoben. Traumatisierte Menschen, die in ihren nahen Beziehungen als Kind erschüttert, das heißt mit Verlust, Todesangst, Überforderung und Ohnmacht konfrontiert waren, reagieren oftmals sehr stark körperlich auf soziale Überforderungen im Außen. Sie sind deshalb oft sozial sehr geschult, weil es ihr Hauptlernfeld war, haben aber an einem sehr feinen Punkt Aussetzer. 

Sie werden starr, können nicht mehr reden, sich steuern, verkrampfen, kriegen Zitter-Anfälle, Nacken- und Rückenschmerzen, ihnen wird schwindelig oder ihnen dreht sich der Magen um, obwohl kein Grund dafür erkennbar ist. Der Körper erinnert die Traumatisierung, sobald ein äußerer ähnlicher Reiz (Trigger) auftaucht und das ganze Trauma-Muster aktiviert wird. Alarmbereitschaft wird signalisiert. 

Ein Trauma in der Form ist eine Einkapselung damaliger überwältigender Gefühle und eine Kompensation der Psyche, um damit zu überleben. Andernfalls wäre das kleine Kind damals unter der psychischen Belastung gestorben. Das ist genauso dramatisch wie ich das sage, denn ich bin selbst betroffen und kenne mich damit sehr gut aus. Intelligente Menschen sind sehr gut darin diese Traumata zu kompensieren, da sie sich sehr viel erklären, analysieren und mit dem Verstand durchdringen können. Das hilft aber leider nur bedingt bei der Lösung des Traumas, denn der Verstand erklärt rational, er hindert quasi das System daran zu fühlen. Und das ist der Sinn davon. Es ist ein Abwehrmechanismus der Psyche das Trauma zu fühlen. Und damit verstärkt es sich. 

Der Verstand kann erklären, rationalisieren und damit die bedrohlichen Gefühle in Zaum halten oder sich eine gute Erklärung dafür überlegen. Das bannt die Angst. Aber lösen, im Sinne von Öffnen kann man das Trauma mit reden und analysieren deshalb nicht. Es betrifft ja eine ganz andere Instanz im Menschen als den rationalen Verstand. Das damalige traumatisierte Kind hat sich aus Schutz Erklärungen hergeleitet. Und sich damit gerettet. 

Meist sind diese Menschen deshalb sozial hoch-intelligent und äußerst feinfühlig. Kognitiv sind sie sehr gut darin Menschen nachzuvollziehen, psychische Muster zu erkennen und zu kommunizieren. Man könnte auch sagen, dass diese Menschen in dem Bereich hoch-funktional sind. Doch diese Menschen denken meistens ihre Gefühle, sie fühlen sie oft nicht, sind oft abgeschert davon, denn das durften sie nicht lernen. Das war zu überwältigend, zu gefährlich. So entstand diese schräge Selbstregulation mit dem Kopf, denn eine emotionale Regulation durch gesunde Beziehung und Nähe gab es nicht. Angst musste sehr früh erklärt werden, anstatt diese Gefühle integreren und annehmen, fühlen zu lernen. Denn mit denjenigen, mit denen man so was als Kind üben sollte, waren dazu nicht in der Lage. Die hatten die nötige Bindungsfähigkeit oder Feinfühligkeit nicht, waren selbst traumatisiert oder oder. 

Die hohe Sensibilität kommt daher, weil das Nervensystem als Kind in permanenter Alarmbereitschaft, ob der drohenden Gefahr war. Die Gefahr kann eine verlorene Beziehung, zu wenig Anbindung und Liebe, Fürsorge und Schutz oder Übergriff, Vereinnahmung und psychische Überforderung sein. Manchmal auch alles zusammen, das kommt auch vor. Die hohe Alarmbereitschaft führt also dazu, dass diese Menschen ihre Umwelt unentwegt auf „soziale“ Gefahren hin auslesen. Sie scannen ihre Umwelt nach dem ab, was unbedingt vermieden werden muss. Sie scannen und analysieren wie die Irren. Und werden darüber, wenn es schlecht läuft handlungsunfähig und geraten in Chaos. 

Weiterhin ist es so, dass sich in nahen Beziehungen traumatisierte Menschen oft Partner aussuchen oder diese anziehen, die äquivalente Themen haben und ähnlich traumatisiert sind. Das bedeutet der Bindungsängstliche sucht den Bindungsängstlichen. Dann führt der Blinde den Tauben und umgekehrt. Kommt der eine zu nah, rennt der andere weg, der eine hat dann Angst und setzt nach und so beginnt das ewige Spiel, was die meisten kennen, wenn es um Nähe und Distanz in Beziehungen geht. Ein Partner will raus und weg, dem ist es schnell zu nah, weil emotionale nahe Bindung, Abhängigkeit bedeutet, die Angst macht und dem anderen ist es nicht nah genug, dem macht Distanz in nahen Beziehungen Angst. Das ist eine Variante. 

Und so dreht sich das dann alles im Kreis. Jedenfalls bis einer hingeht und das beginnt zu lösen für sich, dann entspannt es sich ein wenig in der Regel und der andere kann nachziehen und seine Themen bearbeiten, weil der andere automatisch den Raum frei gibt dazu. Das Ende jeder Verwicklung in dem Bereich von Beziehung ist es, seine eigenen Wunden zu heilen. Das ist ein lebenslanger Arbeitsprozess, man könnte es auch Karma nennen. Aber lohnenswert. Denn die sich daraus ergebene Freiheit ist riesengroß. Ein Trauma ist sozusagen ein ungekannter Diamant in der eigenen Seele, man muss ihn erst einmal behutsam freilegen und dann schlummert darin sehr viel eingekapseltes Potenzial, was zur Entfaltung kommen will. Das verspreche ich. Denn was man bei dem ganzen Drama vergisst ist: Dass man so viel inneren Druck und Leid mit auf den Weg bekommt, um unweigerlich daran zu wachsen. Man kann gar nicht anders als durch dieses tiefe Leid zu gehen, weil man es als erwachsener Menschen nicht aushält so lädiert zu sein. Und was dann geschieht ist wundervoll, denn der erfahrene Schmerz, der eingekapselt vor sich hin gärt, darf sich in frische freie Lebensenergie transformieren und fließen. Und dann entstehen wunderbare Dinge. Ein lohnenswerter Weg also und gar kein Manko, obwohl man sehr stark verwundet wurde und sich unendliche Dramen daraus ergeben. 

Aber diese eigene Entwicklung, dieser Weg auf dem man da geht, ist dann wie pure Alchemie, man transformiert das Dunkle und Traurige in etwas wunderbar Helles, Liebevolles. Fast, wie Zauberei ist das. Man braucht nur: MUT. MUT. Und noch einmal MUT sich dem Unaussprechlichen, den inneren Schatten und Dämonen zu stellen und festzustellen, dass es alles kleine Scheinriesen sind. Aber seht selbst. Auch aus Steinen die einem in den Weg gelegt werden, kann man was Wunderbares bauen. 

Im Anhang könnt ihr noch ein schönes Video von der Traumtherapeutin Dami Chaf anschauen. Dazu empfehle ich auch die Bücher-Reihe des Therapeuten Mike Hellwig, der sich sehr viel mit körperorientierten Trauma-Methoden befasst hat. 

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4 Gedanken zu “Trauma, Therapie und Heilung

  1. Schön, die Dami Charf ist eine mir sehr wichtige ‚Begleitung‘ auf meinem Heilungsweg gewesen. Ich habe in meinem vorangegangenen Blog „Pollys Leben ohne Therapie“ sehr viele Filmchen von ihr dort geteilt. Da geht es vor allem um das Entwicklungstrauma (und das haben wir wohl alle erlebt).

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