Diesmal aber – aus Freude am Untergang

Also, ich bin mir sicher, ja sogar absolut sicher, dass es so gewesen sein muss. Ich sehe es vor meinem inneren Auge, ganz plastisch, auch wenn ich nicht dabei gewesen bin. Es war vor meiner Zeit.

Damals, neulich im Neolithikum, Steinzeit, die Jammerei um viertel nach vier, als die halbe Mannschaft zurückkam vom Beerenpflücken. „Es sind einfach keine mehr da. Wir haben zu viele gepflückt. Und woher sollen wir jetzt Beeren bekommen? Wir werden verhungern und sägen an dem Ast, auf dem wir sitzen. Das geht so nicht weiter …“, erzählten sie und waren frustriert. Ich habe geschummelt, ein Übersetzungsfehler: Die Säge für den Ast zum drauf Sitzen war noch nicht erfunden.

Zehntausend Jahre später, Holozän, letztes Drittel, ebenfalls viertel nach vier, gleiche Stelle, Zufall! Die Jäger zerlegen den Hirsch und ärgern sich: „Verdammte Scheiße. Jetzt müssen wir hier schon das Kleinzeug jagen. Kein Mammut weit und breit nur diese miesen Hirsche. So können wir nicht überleben. Ohne Mammuts schaffen wir es nicht. So geht das nicht weiter…“, jammern sie und völlig zurecht. Mammut schmeckt viel besser als Hirsch. – Es war so! Garantiert. Spürt ihr es?

Das Wild reicht nicht mehr, also pflanzen sie Körner ein oder halten sich schon selber Tiere und machen sie zahm, weil sie so niedlich sind und vielleicht schmecken sie sogar, grillt man sie. Ist auch eine Erinnerung an die wilde, alte Zeit mit Speer und Flitzebogen. Pure Nostalgie.
Das ist jetzt vierzehntausend Jahre her. Start Ackerbau, wahrscheinlich Türkei. Wir blenden ein drei nach Null nach agrarischer Revolution mit der Erzählung hier: Bauer Nummer eins plaudert mit dem Jäger von nebenan. „Wir werden alle sterben! Das Wild ist aus. Wir werden hungern. Es ist nichts mehr da.“, jammert der Jäger und hat Recht und Unrecht zugleich. Ja, es ist nichts mehr da, das Wild wird knapp, aber weiter geht es trotzdem, denn die Körner des Bauern wachsen an und das Jetzt-nicht-mehr-wildschaf schmeckt ganz gut, wenn man es anständig würzt.

Und neulich bei den alten Griechen: Platon kritisiert, dass alle Bäume abholzt sind und Griechenland am Ende ist. Tutti finito completto Endzeit wegen Holzmangel. Holz war wichtig damals, so wie heute WLan. Das haben wir schriftlich, weil Platon schreiben konnte. Alles war gerodet für den Schiffbau, denn auch wenn man es sich nicht vorstellen kann: Bevor der Mensch kam, war der gesamte Mittelmeerraum von hohen Wäldern bedeckt. Das sah ganz anders aus da. Platon hatte Recht. Griechenland hat sich nicht wirklich erholt. Aber überlebt haben sie schon. Kulturell sowieso.

Johannes schreibt „das Ende ist nah“ am Ende seines Evangeliums. Ende, Ende. Wie passend. Was für ein Festival des Untergangs brennt der da ab?!? Mal gelesen? Diesmal ist es die Moral und die Gesinnung, die Schlechtigkeit des Menschen, die die Menschheit in den Untergang treibt. Ein strafender Gott übernimmt, ganz bestimmt. Das Jüngste Gericht! Das mit Göttern und hohen Mächten und Strafgerichten passte einfach in die Zeit um das Jahr null, denn Weltuntergang durch Nahrungsmangel funktionierte nicht mehr, man hatte genug. Meistens.
Johannes war gut. So plastisch sind seine Erzählungen, so bunt und farbenfroh, das Konzept hat für fünfzehnhundert Jahre Untergangsbegeisterung gereicht. Siehe Dante – ganz großer Text, was für ein Fest! Diese Höllenqualen der armen Sünder. Lese ich immer meinen Kindern vor. Konzept Schuld. Sowieso ganz weit vorne, im Ranking der Unterjochungskonzepte. Was bleibt ist die Frage, wie Johannes so dermaßen plastisch von der Apokalypse schreiben konnte. Anders formuliert: Was hat er genommen?

Malthus – Industrielle Revolution. Das ist jetzt wirklich neulich, quasi noch jetzt. Es sind zu viele Menschen auf der Welt, soviel Ackerland gibt es nicht, rief er aus. Verhungern werden wir – schon wieder -, noch xy Jahre und die Menschheit wird verhungern, ganz bestimmt. Die Methode war alt, aber nötig, denn Gott war tot. Humanismus! Das mit den Göttern und Strafen von oben, so spirituell zog nicht mehr. Der Mensch war jetzt eher materiell. Tendenziell.
Doch, och jetzt aber sowas, verdammter Mist. Da beginnt endlich der Untergang der Menschheit und dann das: Justus Liebig erfindet den Stickstoffdünger und aus die Maus. Die Felder bleiben fruchtbar, dank Ammoniumnitrat. Aus Malthus Theorie des Untergangs wurde Makulatur. Malthus hatte Unrecht, gottseindank. Hundertfünfzig Jahre später sind wir Menschen ganz ganz viele, aber die Nahrung reicht dicke aus. Nur mit der Verteilung hapert es, gut, okay. Das sind Details.

Club of Rome – Das Club ist nicht schön, redet von Untergang seit Jahrzehnten ohne Unterlass, was schon in sich ein Widerspruch ist. Das sind schlaue Leute da und die reden viel darüber. Nur eines passiert nicht: Die Welt geht nicht unter, bzw. Menschheit nicht. Sie tut ihnen den Gefallen nicht, im Gegenteil. Setzt man seine düstere Brille ab – zugegeben es fällt schwer – geht es den Menschen immer besser. Ja wirklich, es ist so. Da ist kein Zweifel erlaubt, wenn man auf die Zahlen schaut. Wer tut das schon? Viel zu langweilig ist die Botschaft alles gehe gut.

Waldsterben – ich erinnere mich. Ich war dabei. Jeden Tag in der Schule von morgens früh bis nachmittags um drei – in zwanzig Jahren gibt es keine Wälder mehr! Schaut sie euch noch einmal an die dollen Dinger mit dem Grün obendrauf, gleich fallen sie um! Das ist jetzt dreißig Jahre her und das Gehölz steht noch immer überall im Wald und versperrt die Sicht.

Das Öl geht aus und zwar tutti kompletti in zwanzig Jahren. Das war es dann mit Autos, Plastik und dem ganzen Luxus. Zurück zum Pferd! Auch das ist dreißig Jahre her und die Vorräte sind größer als je zuvor. Und billiger – festhalten jetzt – inflationsbereinigt billiger als damals ist das Öl auch, trotz Steuern. Unglaublich dieser Gegensatz zwischen Angst und Wirklichkeit.

Die Klimakatastrophe – die ist jetzt wirklich mächtig und real. Also das ist jetzt einmal die Apokalypse pur. Da wird sogar Johannes neidisch. Das Klima kippt. Sense-Ende-Aus-mit-uns. Da können wir aber nicht, aber sowas von nicht zweifeln … Rekord jagt Rekord, Hitze und Dürre und Überschwemmung und Schneesturm und ach, alles zugleich. Das Ende ist nah! Pah Hunger ist ein Pups dagegen … es wird schlimmer, wir verglühen nachdem wir zuvor ersoffen sind …
Allerdings, wenn man etwas davon versteht, verwischt das Bild und so sehr Katastrophe ist es nicht. Keiner weiß genaues nicht, besonders nicht, was des Menschen Anteil ist. Sicher ist nur: Alles ist im Normbereich. Kurven schlagen aus, hier und da. Normal. Der Eindruck täuscht. Es wird getäuscht massiv und frontal und mit Absicht. Panik ist attraktiv. Kennen wir ja. Siehe Neolithikum et al. Wir haben Klima und das wandelt sich, wie immer schon. Unschön, die Welt ist doof zu uns, ist aber so.  

Und jetzt das Virus. Ja schon klar. Da kommt jetzt ein Virus daher und rottet alle Menschen aus. Finale! Wir sind so gut wie tot, röcheln nur noch. Wir müssen uns schützen unbedingt! Seit der Jungsteinzeit gehen uns Viren auf den Sack und setzen uns zu, aber die bisher, die harmlosen Dinger wie Pocken oder Pest oder schlimmer, ha! –  die haben nur geübt. Diesmal, verdammt diesmal, diesmal kommt der Untergang ganz bestimmt. Erkältung 2.0., die bringt uns alle um. Wir siechen dahin. Die Straßen liegen voll mit Leichen … ach ne, verdammt … aber könnte, es könnte, wenn wir nicht …

Eh, merkt ihr es?

Kann es einfach sein, dass die Menschen Spaß dran haben? Dass „Untergang“ einfach ein total geiles Thema ist und die Langeweile überbrückt? Und Macht erschafft. Ja, genau … „und Macht erschafft“ – wie gruselig.

Wenn man genau betrachtet, so historisch, dann entstanden die Katastrophen nur, weil jemand einen Untergang prophezeit und dann jemand diesen Unsinn glaubt. Natürlich ist immer was neu und immer geht irgendwas zur Neige. Blöd irgendwie, aber das ist normal! Die Welt ist endlich und ändert sich nun mal. In diesem Sinne eine gute Nachricht, schaut euch um: Es ist wieder soweit, die Menschheit stirbt aus, diesmal ganz neu. Machen wir das Beste draus.

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